Die Würde Des Schweins Ist Unantastbar

Reinhard Mey

In einer engen Box war es,

auf Beton und standesgemäß,

daß sie die Glühbirne der Welt entdeckte.

Sie war das Ferkel Nummer vier,

drei and're lagen über ihr,

so ein Gedränge, daß sie fast erstickte.

Schon nach zwei Wochen Säugakkord

kam jemand und nahm Mutter fort.

Doch noch als die Erinnerung schon verblaßt war,

fiel'n manchmal dem jungen Schweinder Mutter Worte wieder ein:

Die Würde des Schweins ist unantastbar,

hmmmmmmm, die Würde des Schweins ist unantastbar.



Der Kerker wurde ihr zu Haus,

an einem Fleck tagein tagaus,

und immer im eigenen Dreck rumsitzen.

Die feine Nase, der Gestank,

sie wurde traurig, wurde krank,

und als sie sehr krank wurde, gab es Spritzen.

Sie wurd' zum Decken kommandiert,

das hat sie niemals akzeptiert,

daß Schweinesein nur Ferkelzucht und Mast war.

Und wenn man ihren Willen brach,

dachte sie dran, wie Mutter sprach:Die Würde des Schweins ist unantastbar,

hmmmmmmm, die Würde des Schweins ist unantastbar.



Dann fuhr der Viehtransporter vor,

und packte sie an Schwanz und Ohr,

zusammen mit ihren Leidensgenossen.

Die zitterten und quiekten bang,

und fuhr'n und standen stundenlang,

viel enger noch als üblich eingeschlossen.

Das Schwein ist schlau, so ahnt es schon,

die tragische Situation,

sie wußte, daß dies ihre letzte Rast war.

Sie hat den Schlachthof gleich erkannt,

und sie ging ohne Widerstand.

Die Würde des Schweins ist unantastbar,

hmmmmmmm, die Würde des Schweins ist unantastbar.



Sie hat den Himmel nie geseh'n,

durft' nie auf einer Weide steh'n,

hat nie auf trock'nem, frischem Stroh gesessen.

Sie hat sich nie im Schlamm gesuhlt,

freudig gepaart, und eingepoolt,

wie könnt ich dies' Häufchen Elend essen.

Die Speisekarte in der Hand,

seh' ich ueber den Tellerrand,

und kann die Bilder wohl nie mehr vergessen.

Ich möchte nicht, Du armes Schwein,

an Deinem Leid mit schuldig sein,

weil ich in diesem Re